Let’s talk about Connewitz…

Ungebetene Gäste

Seit Anfang Februar verfügt Connewitz über eine neue Sehenswürdigkeit. Mitten im „Bermudadreieck“ zwischen Bornaischer, Meusdorfer und Wolfgang-Heinze-Straße wurde ein neuer Polizeiposten eröffnet. Doch während Stadtverwaltung und Polizei vor Freude und Stolz über diese „geniale Idee“ (OBM Burkhard Jung) zu platzen drohen, ist die Reaktion im Viertel verhalten. Der Polizeiposten ist ein politisches Signal, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben.

Eine „geniale Idee“?

Für die Sicherheit in Connewitz macht der neue Posten wenig Sinn. Er widerspricht der kürzlich erfolgten Polizeistrukturreform in Sachsen, in deren Zentrum die „Optimierung“ des Personal- und Verwaltungseinsatzes steht. Während Polizeibeamt_innen in Hoyerswerda wegen Personalmangels kürzlich zwei Menschen auffordern mussten, die Stadt zu verlassen, anstatt sie vor Naziangriffen zu schützen, wird hier ungeplant eine zusätzliche Dienststelle eröffnet.

Trotz der erklärten „Bürgernähe“ wird das Büro kaum frequentiert. Wenn es dunkel wird, übt sich die Polizei in einer offensiveren Annäherungsart und ist massiv vor dem Posten und in der Umgebung präsent und schikaniert Menschen, die (nicht) ins polizeiliche Raster passen. Besonders die Bereitschaftspolizei und Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) scheinen sich aufgrund des Ausbleibens erwarteter Anschläge unterfordert zu fühlen. Sehr zum Ärgernis der Connewitzer_innen, denen ein bisschen weniger polizeiliche Zutraulichkeit lieber wäre. Dass herumstehende, besetzte Polizeiwagen durchgehend ihren Motor oder die Standheizung laufen lassen und stets Straße und Gehweg blockieren, sorgt auch nicht gerade für Begeisterung bei den Anwohner_innen.

Schwerer wiegt dabei die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Des Öfteren wurden Menschen bereits verdachtsunabhängigen Kontrollen unterzogen, ob auf dem Weg zur Haltestelle, zum Einkauf, zur Arbeit oder zur Kneipe an der Ecke. Das wollen wir – mitten in einem Wohnviertel und egal, ob dieses nun Connewitz heißt – nicht hinnehmen.

Bis alle im Gleichschritt laufen!

Welches Kalkül hinter der Errichtung des Polizeipostens und den einhergehend verstärkten Kontrollen in Connewitz steckt, wird dabei besonders deutlich: Die Legitimation einer subtilen law-and-order-Politik, der vor allem die Freiheiten und Freiräume, die dieser Stadtteil (noch) zu bieten hat, ein Dorn im Auge sind. Problematisch ist dabei insbesondere die Errichtung eines Kontrollbereiches in unklarer räumlicher Ausdehnung um den Polizeiposten selbst. Hier wird nicht das potenzielle Ausüben von Straftaten kontrolliert, sondern der Raum an sich.

Dieselbe Szenerie findet sich unweit am Connewitzer Kreuz. Seit 1999 wird der Platz – mit einer Unterbrechung zwischen 2000 und 2003 – von einer polizeilichen Kamera überwacht. Ob elektronisches Auge oder die Augenpaare von Polizeibeamt_innen – permanente Beobachtung und potenzielle Kontrollmaßnahmen erzeugen Konformitätsdruck. Jede und jeder, die oder der den bewachten Bereich passiert, wird automatisch unter Verdacht gestellt.

Dass diese Methoden ein politisches Kalkül haben, liegt auf der Hand. Denn nach Bekunden der Polizei ist Connewitz kein Kriminalitätsschwerpunkt. Polizeipräsident Bernd Merbitz bestätigte das am 16. Oktober 2013, als er zur Sicherheitspolitischen Stunde im Stadtrat nur von “Problemchen” in Connewitz sprach. Sprich: Es geht nicht darum, Alltagskriminalität zu verhindern, sondern es eine weitere Drohgebärde gegen eine politisch unliebsame Szene zu errichten.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten bedienen sich die Repressionsorgane vielfältiger Mittel, Connewitz – als Raum politischen Handelns mit seinen Bewohner_innen, (Frei-)Räumen, Projekten, Initiativen, Gruppen und Vereinen – zu überwachen und einzuschränken.

Erinnert sei an die massive nächtliche Präsenz von Einsatzfahrzeugen in den Straßen des Stadtviertels oder die aufgrund mangelnder Effizienz wieder eingestellten Komplexkontrollen. Nicht zu vergessen ist aber auch der Aufruf des ehemaligen Revierleiters Frank Gurke im Schlepptau des CDU-Stadtrates Karsten Albrecht, die zum Ausspionieren der links-alternativen Szene anhielten, anstelle die Befürchtungen von Gentrifizierungstendenzen ernst zu nehmen. Zuletzt versuchte die Polizei über einen sozialen Träger, ein Kiezmanagement zur Befriedung von Konflikten zu installieren. Finanziert wurde dieses aus Landesmitteln, die bisher ausschließlich für die Arbeit gegen Neonazismus vorgesehen waren.

Connewitz bleibt Connewitz, wenn auch anders!

Connewitz kann auf eine nicht zufälligerweise nahezu ähnlich lange Geschichte alternativer und linker Politik wie auch staatlicher Repression zurückblicken. Angefangen hatte alles mit einer Vielzahl an Hausbesetzungen Anfang der 1990er-Jahre und der damit verbunden Etablierung als Zentrum linker Politik. Spätestens nach den schweren Ausschreitungen am 27./28. November 1992, als ein Connewitzer von der Polizei angeschossen wurde, zeigten die Behörden großes Interesse daran, dass aus linker Politik in Connewitz nur eine Kurzgeschichte werden soll. Connewitz ist jedoch unbeeindruckt davon stets ein alternatives linkes Viertel geblieben, auch wenn es sich in vielen Punkten verändert und entwickelt hat.

Und so sind wir heute gern in diesem Kiez, auch wegen seiner Geschichte. Weil es hier die dringend notwendigen Freiräume gibt, weil wir hier unsere kulturellen und politischen Ansätze entwickeln und ausleben können. Die vielen kleinen Dinge machen Connewitz aus: Es bestehen hier Orte zum Debattieren oder Räume, um subkulturell geprägte Konzerte zu besuchen oder Filme in Wohnzimmerathmosphäre zu sehen. Das sind aber auch verschiedene Wohnformen und Lebensstile – und vor allem die Straße, auf der wir rumstehen und -sitzen können sowie andere Menschen treffen. Der Umgang miteinander macht die Qualität in Connewitz aus. Bei all diesen Begegnungen im sozialen Raum Connewitz handeln wir jedes Mal neu aus, welche Grenzen wir setzen bzw. welche wir respektieren und wo wir Freiräume lassen. Wir wollen damit nicht in Kiezromantik verfallen. Wir finden es jedoch unerträglich, wenn ein Stadtteil mit seinen Bewohner_innen und deren alternativer, selbstbestimmter und auch politischer Anspruch kriminalisiert wird. Wir wollen selbst aushandeln, welche Grenzen wir setzen bzw. welche wir respektieren und wo wir Freiräume lassen.

Diese Auseinandersetzung braucht keinen weiteren Polizeiposten. Wohnraum und Freiraum sind zentrale Themen der politischen Frage, wie wir hier leben wollen. Wenn wir Symptome der Gentrifizierung im Viertel diskutieren, nehmen wir gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge in den Blick. Kapitalistische Zwänge machen nicht am Connewitzer Kreuz halt.

Wir wollen diskutieren, wir wollen diesen Kiez kollektiv gestalten und weiter politisieren. Lasst uns aus der Nische treten und die politische Auseinandersetzung in Connewitz wieder lebendig machen! Achtet auf weitere Ankündigungen!

Wir sind präsent auf fuerdaspolitische.noblogs.org und erreichbar unter fuerdaspolitische@riseup.net

Für ein alternatives Connewitz, frei von staatlicher Repression! Für das Politische!


Wenn du den Text und uns unterstützen willst, kannst du ihn hier unterschreiben.

Erstunterzeichner_innen

AWC – Alternative Wohngenossenschaft Connewitz e.G.
B54 e.V.
Buchhandlung el libro
com.cores GmbH (Druckerei)
Fischladen (Fanladen)
Frau Krause (Kneipe)
Freundeskreis Buchkinder
Hausgemeinschaft Biedermannstraße 24
Hausgemeinschaft Herrmannstraße 4
Kettenreaktion (Fahrradladen)
Könich Heinz (Kneipe)
linXXnet e.V. (Politik-Kultur-Projekte)
Mad Flava (Graffitishop)
PartOne (Textildruckladen)
Red Star Supporters Club (RSSC)
Spätverkauf Lazy dog
Spätverkauf Roni Ramzi
Takatiki (Piercingstudio & Tätowiererei)
Waldfrieden (Gaststätte)

15 Kommentare

  1. Andreas
    Veröffentlicht am 25. März 2014 um 09:31 | Permanenter Link

    Im Gegensatz zu den Unterzeichnern habe ich als Einwohner von Connewitz kein Problem mit dem Polizeirevier. Belästigt fühlen sich da eher die Chaoten, welche der „Gentrifizierung“ (=Vertreibung von Schmarozern und Chaoten) entgegenwirken wollen.
    Dieser Kommentar wird sicher nicht veröffentlicht, aber es macht ja ohnehin wenig Sinn, mit Chaoten, Farbbeutelwerfern und ACAB-Schmierern zu diskutieren.

  2. Veröffentlicht am 25. März 2014 um 09:36 | Permanenter Link

    Sicherlich liegt da ein Missverständnis bei der Definition von Gentrifizierung vor, die die Vertreibung von ökonomisch schwächeren (was mit den sozialen Kompetenzen nicht korreliert) Anwohner_innen bezeichnet. Wie aus unserem Text herauszulesen sein sollte, gehen wir davon aus, dass die Diskussion ein probates Mittel (auch) zur Konfliktlösung ist.

  3. Andreas
    Veröffentlicht am 25. März 2014 um 16:13 | Permanenter Link

    Sicher gibt es ökonomisch Schwächere und ökonomisch Stärkere, dass ist auch gut so. Verstärkte Polizeipräsenz richtet sich auch mit Sicherheit nicht gegen irgendwelche ökonomisch verschieden eingruppierte Personen, sondern gegen Gestalten, die mangels (sozialer) Kompetenzen lieber abhängen und sich schon morgens besinnungslos trinken, statt das Leben sinnstiftend zu meistern.
    Gestalten, die Nachts das Viertel verunsichern, Autospiegel abtreten, Bürgerämter zerstören, Farbbeutel an Gründerzeithäuser werfen usw. wollen doch nicht diskutieren, sondern weiter im Chaos versinken um niemals Verantwortung für irgendetwas übernehmen zu müssen.
    Warum diese Angst vor Polizei? Wir leben in keinem Polizeistaat und die Polizisten sind auch ganz normale Menschen, die in Frieden und relativem Wohlstand mit Ihren Familien das leben meistern wollen.
    Für echtes Engagement in der Gesellschaft gibt es genügend Freiräume, wenn man diese denn tatsächlich nutzen wöllte.
    Da würde auch keine Polizei „stören“, da wäre der Polizeiposten niemals entstanden.
    Hier sollte schon genau die Reihenfolge beachtet werden. Jahrelange Toleranz trifft auf offenbare Hirnlosigkeit. Da kann irgendwann auch nicht mehr diskutiert werden, mit Gestalten, die ohnehin nur wenige intelligente Sprecher haben und ansonsten garnicht fähig sind, sich einer Diskussion zu stellen.

  4. Henri Defense
    Veröffentlicht am 25. März 2014 um 17:02 | Permanenter Link

    @Andreas:

    Mit Verlaub, aber eine „dass ist auch gut so“-Kommentierung, womit keine gesellschaftlichen Zustände erklärt, sondern hingenommen, die einen zu „Gewinner_innen“, die anderen zu „Verlierer_innen“ gemacht werden, kann so nicht unwidersprochen stehen gelassen werden. Mit der Äußerung werde soziale Selektionsprozesse sowie die Ungleichverteilung von materiellen wie finanziellen und damit auch anderer Ressourcen geleugnet und sogar als „gerecht“ erachtet. Haben Sie Abstiegsängste und probieren sich mit der selbst zu geschriebenen – wenn auch hier nicht explizit geäußerten – positiven Arbeitsmoral einzureden, Sie könnten nicht sozial absteigen?

    Was sind den „soziale“ Kompetenzen? Wer hat Sie und wer nicht? Und warum?

    Und wer bitte sind eben jene, die „lieber abhängen und sich schon morgens besinnungslos trinken, statt das Leben sinnstiftend zu meistern“? Sie haben die Wahl zwischen „ökonomisch Schwächeren“ und „ökonomisch Stärkere“, beides von Ihnen genannte Kategorisierungen? Oder haben Sie weitere parat?

    Und nun ist die Polizei da: Und was soll dann mit den von Ihnen stigmatisierten Leuten passieren? Das gegenteilige dessen, was sie Ihnen vorwerfen? Die Polizei ist keine pädagogische Einrichtung, sondern eine disziplinierende. Für was Sie argumentieren sind eben erste Einrichtungen, die die von Ihnen so hochgehaltenen Normen erst vermitteln. Dafür sollten Sie eher eintreten, als gegen Überwachung, Bestrafung, Kriminalisierung.

    Was nun, sind die „Gestalten“ jetzt nachts unterwegs oder trinken sie sich morgens besinnungslos? Oder geschieht es gleich nacheinander? Bzw.: Zählen Sie uns zu der Aufzählung dazu?

    Warum soviel Vertrauen in die Polizei?

  5. Selbsthilfe Düben
    Veröffentlicht am 25. März 2014 um 20:14 | Permanenter Link

    Ziehen Sie doch aufs Land, da kennt jeder jeden und alle sind sicher ;) die Rechten kleben mal par Parkbänke zu mit ihren Parolen oder schreiben EU=Europas Untergang (womit sie ja fast richtig liegen) an die Wand, ansonsten alles ruhig. Polizei gibts hier weit und breit nich. Die nächste, auch nachts besetzte Dienststelle ist 27 km weg. Die BP is ja nich zuständig hier, die fahrn immer nur nach Leipzsch und DD wenn die Linken und die Rechten oder die hooligans, naja ihr wisst schon…

    Selbsthilfe Dübener Heide Kom Gen.

  6. Andreas
    Veröffentlicht am 25. März 2014 um 20:45 | Permanenter Link

    @Henri
    …mir scheint die Antwort/Meinung sehr verwirrt, daher möchte ich es kaum kommentieren und lieber so stehen lassen. Einige der hinterfragten Begrifflichkeiten lehnen sich übrigens an den Beitrag von admina an, also bitte dort mal nachfragen.
    Fakt ist dennoch, wenn in Connewitz die friedlichen Familien, die in hart erarbeiteten Stadthäusern leben, die vielen ganz normalen, fleißigen und rechtschaffenden Einwohner, Rentner, Arbeitslosen, Angestellten, Kinder erziehenden, Beamten, Mieter, Eigentümer usw., also die ganz normalen Menschen, von einer Handvoll lieber im Chaos, Dreck und Anarchie lebenden Spinnern vertreten werden wollen, dann muß man sich einfach äußern.
    Ich fühle mich von Polizisten nicht belästigt, mich kontrolliert auch keiner, und gegen die in der Petition beschriebenen Projekte und Lebensvorstellungen wird auch niemals jemand vorgehen.
    Aber gegen Zerstörung, Chaos, Diebstahl und Dreck muss man vorgehen. Supermärkte müssen eigentlich keine Gitter haben und Ladengeschäfte keine Panzerscheiben. Gentrifizierung hin oder her.
    Diese Petition steht nicht für die Mehrheit der Connewitzer, auch wenn die Verfasser dies gerne so sehen würden!

  7. Henri Defense
    Veröffentlicht am 26. März 2014 um 16:48 | Permanenter Link

    @Andreas:
    Bitte benennen, was verwirrende ist, damit ich es entwirren kann. mein Beitrag bezieht sich auch auf die Ihrige, nicht jene von admina, sodass Begrifflichkeiten durchaus wiederkehrend auftreten können, ich aber kein Anlass sehe, mit admina über Ihre Probleme zu reden, sondern mit Ihnen.

    Selbst wenn der Beitrag verwirrend sein sollte, enthält er Fragen, denen Sie aus weichen! Ich finde Zerstörungen, Diebstähle, etc. auch nicht gut, kann diese Phänomene aber erklären bzw. die Ursache dafür herleiten und erkennen: soziale Probleme. Darüber gilt es zu reden, also über Ursachen und nicht das Phänomen selbst.

    Die Ursache versuchen Sie hingegen zu verschweigen!

  8. Yulia
    Veröffentlicht am 26. März 2014 um 16:55 | Permanenter Link

    @Selbsthilfe Düben:
    Entsprechend der Beschreibungen im Offenen Brief, kann Connewitz als Provinz, als Dorf – oder halt Kiez – angesehen werden, wo jede Person jede andere kennt. Nur ist es hier sicherer!

    @Andreas:
    Ist ja schön, dass es dir scheinbar so gut geht und andere ebenso „ehrlich“ sind, wie du es angibst zu sein. Nur, was soll mit denen geschehen, die nicht deinen Lebensweg, dein Lebenskonzept als erstrebenswert ansehen? Was soll mit denen geschehen, die eben nicht einer Erwerbsarbeit nachgehen wollen und dennoch am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen?=

  9. Andreas
    Veröffentlicht am 26. März 2014 um 22:36 | Permanenter Link

    @Yulia
    Wer keiner Erwerbsarbeit nachgehen will, kann doch auch am gesellschaftlichen Leben teilhaben (was immer Yulia damit meint). Wer ein „anderes“ Lebenskonzept anstrebt, kann dies gerne ausleben. Es gibt eine Grundsicherung, wer dieses Niveau für sich ausgewählt hat, das ist o.k.. Dagegen hat sicher auch kein Polizeiposten etwas. Diese Menschen sollten einfach nur die Werte und das Eigentum derer achten, die auf einem anderen Level leben wollen.
    Antifa, CSD und ACAB an eine schöne Wand zu sprühen, zeugt eher von Hirnlosigkeit als von einer alternativen Lebenseinstellung.
    Jeder gehört dazu, auch hier in Connewitz. Nur Zerstörung, Chaos, zerstörte Bürgerämter, eingeschlagene REWE-Scheiben, (Farbbeutelwürfe auf BurgerKing-Filialen), besprühte Netto-Märkte, eingeschlagene Wendl-Scheiben usw., die braucht hier niemand! Daher wird der Polizeiposten von der Mehrheit der Anwohner in Connewitz befürwortet.

  10. Veröffentlicht am 27. März 2014 um 09:40 | Permanenter Link

    „Nur Zerstörung, zerstörte… eingeschlagene…“ – da kann ich gerne zustimmen: das will auch ich nicht. Aber ist das nicht etwas überzogen, von Chaos zu reden? Ich find es recht schick in Connewitz und wohne gerne hier. Und alterstechnisch gehöre ich halt zu denen, die Graffiti als coolen Jugendprotest kennengelernt und begriffen haben. Dass Andere das als Sachbeschädigung bestrafen, hat sicherlich auch einen realistischen Hintergrund. Die meisten von denen würden sich aber wundern, wenn sie sich wegen eines achtlos weggeworfenen Kaugummis im Gefängnis wiederfinden würden (s. Singapur) oder wegen in der Öffentlichkeit sichtbar transportierten – oder gar konsumierten – Alkohols (s. Australien, USA). Das sind halt alles gesellschaftliche Aushandlungssachen, vor allem auch bei Graffiti: die damals strafbewehrte und heute schützenswerte Kunst an der Karl-Liebknecht-Straße 7 dürfte bekannt sein. Vielleicht ist es in diesem Zusammnehang interessant darauf hinzuweisen, dass Graffito neben Feuer so ziemlich die einzige Sachbeschädigung ist, die einen eigenständigen Straftatbestand darstellt. Wird da seitens der Behörden nicht kräftig überzogen?

    Auch weil es in Connewitz Menschen gibt, die alternative Lebenskonzepte ganz real umsetzen, ist es hier so angenehm zu leben. Dazu gehört neben der AWC auch so etwas wie der Wagenplatz. Das soziale Problem nicht nur hier im Kiez wird aber deutlich, wenn es Menschen gibt, die keine andere Antwort als „Gewalt gegen Sachen“ finden auf steigende Mieten und Überwachung an allen Ecken. Das wollen wir verändern – und schaffen wir ganz sicher nicht alleine. Der Polizeiposten erzeugt aber genau eins: die Notwendigkeit, sich selbst aufrechtzuerhalten. Sonst nichts. Die Polizeipräsenz in der Biedermannstraße ist symptomatisch für einen Staat, der sich selbst aus möglichst allen Aufgaben – wie bezahlbares Wohnen – wegradiert, aber die Muskeln spielen lässt. Sicherheit schafft das nirgendwo.

    Ich lade herzlich zur Beteiligung heute 19 Uhr im UT Connewitz ein. :)

  11. Selbsthilfe Düben
    Veröffentlicht am 29. März 2014 um 11:52 | Permanenter Link

    Aus dem Gesagten und Geschriebenen auf die politischen Beweggründe geschlossen würde ich meinen, die Protagonisten treibt die Vorstellung um, sie hätten ein Recht auf selbstorganisierte Rückzugsräume, auf Inseln des eigenen und schönen Lebens inmitten eines Meeeres der technokratischen Menschenverachtung.

    Dem ist nicht so!

    Die Protagonisten sind in der real-existierenden Gesellschaft mit all seinen Vorzügen und Unfreundlichkeiten eingebettet. Die Verteidiger der sozial autonomen Räume unterliegen dem Irrtum, sie könnten Politik gestalten ohne sich der Mühsaal der Ursachenforschung und der Anstrengung globaler Analysen unterziehen zu müssen.

    Auf instinktiver Ebene wissen wache Menschen heute unfreiwillig von den Verlegenheiten des Daseins auf der nach vorne geneigten Ebene,…der Grad des Neigungswinkels allein unterliegt dem Streit, den wir Politik nennen.

    Niemand würde heute das Chaos willkommen heißen, weil die Ordnung versagt hat.

  12. Selbsthilfe Düben
    Veröffentlicht am 29. März 2014 um 11:54 | Permanenter Link

    Zivilisationsdynamische Sätze von Peter Sloterdijk

    Nach dem Vorstoß in die Freiheits- und Unternehmens- Era werden viel mehr Ambitionen geweckt, als je unter dem Dach legitimer Ansprüche zu beherbergen sind.

    Es werden in aller Welt viel mehr Wünsche nach Objekten des Genießens und Konsumierens stimuliert, als durch real erarbeitete Güter bedient werden können.

    Es werden auf breiter Front mehr Erlaubnisse übermittelt als durch regulierende Beschränkungen zu überwachen sind.

    Es werden überall mehr Ausnahmen in Anspruch genommen, als durch Modernisierungen der Regel wieder einzufangen wären.

    Es werden im Gang der Liberalisierungen mehr Hemmungen fallen gelassen, als durch Hinweise auf frühere Zurückhaltungen und neue Fairnis-Regelung redomestiziert werden können.

    Es werden im Kulturbetrieb der neuen Gesellschaften sehr viel mehr Traum- und Begehrenskräfte freigesetzt, als je durch Umverteilung von Gütern und Vitalchancen in beherrschbare Ausdruckswelten integriert werden können.

    Es werden in den Subjekten mehr offensive und defensive Unzufriedenheiten gestaut, als je durch massenkulturelle Abreaktionen erledigt oder durch Individualtherapien versöhnt werden können.

    Es werden im geld- und zinsbewegten Wirtschaftsgeschehen von Gläubigern stets mehr Kredite an Schuldner ausgereicht, als sich durch Pfändungen und realistischen Leistungserwartungen besichern lassen.

    Es werden von Schuldnern in modernen Tauschgesellschaften, namentlich von Regierungen sogenannter souveräner Staaten, stets sehr viel mehr Kredite aufgenommen, als jemals durch ernste Rückzahlungsabsichten sich rechtfertigen ließen.

    Es werden auf den Feldern moderner Kultur und Politik stets mehr Täuschungen, Wahnkonzepte und Angebote an die Deliriumsbereitschaft des Publikums in die Welt entlassen, als je in realistische Projekte re-integriert werden können.

    Es werden durch die Ausstrahlung der Bilder reichen Lebens, weltweit fortwährend mehr Ansprüche auf Teilhabe an Gütern und Statussymbolen hervorgerufen, als sich jemals durch nichtkriminelle Formen der Umverteilung von Wohlstand befriedigen lassen.

    Es werden ständig mehr Krankheiten entdeckt und diagnostiziert, als je durch die bestehenden oder künftigen Therapieeinrichtungen behandelt werden können.

    Es verlegen weltweit immer sehr viel mehr Menschen ihren Lebensschwerpunkt in großstädtische Ballungsgebiete, als jemals zu Lebzeiten an den Vorzügen zivilisierter Urbanität werden teilhaben können.

    Es werden ständig mehr soziale, technische und psychologische Probleme entdeckt und erfunden, als sich durch die Problemlösungsfähigkeit der lebenden Generationen bewältigen lassen.

    Es werden der Problemlösungsfähigkeit zukünftiger Generationen viel mehr Aufgaben aufgebürdet, als diese durch die Übernahme eines Kompetenzerbes der vorangehenden Generationen meistern können.

    Es werden ständig viel mehr existenzielle Optionen erschlossen, als sich je in Konstrukte persönlicher und kollektiver Identität integrieren lassen.

    Es werden im aktuellen Kulturbetrieb sehr viel mehr Kandidaturen auf prominente soziale Positionen deponiert, als durch die vorhandenen Aufmerksamkeitsressourcen honoriert werden können.

    Es werden weltweit mehr Abfälle aus Konsum und Industrie generiert, als sich durch Recyclingprozesse resorbieren lassen.

    Es werden in Menschkörpern der wohlhabenen Hemisphäre ständig mehr Fettreserven aufgebaut, als sich durch Diäten und Bewegungsprogramme verbrennen lassen.

  13. Veröffentlicht am 30. März 2014 um 15:15 | Permanenter Link

    wir sind dabei

  14. mark
    Veröffentlicht am 8. Mai 2014 um 13:40 | Permanenter Link

    @Ylia
    Was soll mit denen geschehen, die eben nicht einer Erwerbsarbeit nachgehen wollen und dennoch am gesellschaftlichen Leben teilhaben wollen?=

    Dies zeigt eben eine Unsolidarität anderen gegenüber. Eine Gemeinschaft kann eben nur funktionieren, wenn sich alle daran beteiligen. Wer eben keiner Erwerbstätigkeit nachgehen möchte, bitte schön. Dann soll die Person sich aber auch selbst versorgen, ohne andere zu schädigen.

    Die große Masse der Menschen, welcher einer Arbeit nachgehen, werden dadurch diskriminiert. Warum soll ich noch arbeiten gehen, wenn es andere einfach nicht machen?

    Ich bin für die Kmaera und auch für den Polizeiposten und das Bürgeramt der Stadt Leipzig, welches ja mutwillig zerstört worden ist. Wer trägt die Kosten?? Wer fragt die Rettungsdienst- und Einsatzkräfte, welche zu Einsätzen nach Connewitz gerufen werden, und zum Dank noch mit Steinen beworfen werden? Dafür sind wir 1989 nicht auf die Straße gegangen.

  15. mark
    Veröffentlicht am 8. Mai 2014 um 13:45 | Permanenter Link

    Und noch etwas Lebenserfahrung:

    „Jeder ist seines Glückes Schmied“
    Also fleißig sein und lernen. Dann kann jeder etwas schaffen

2 Trackbacks

  1. […] des Gegentrends zu Überwachung und Kontrolle ist der Offene Brief einer Initiative “Für das Politische”, der sich mit mit dem Polizeiposten als Baustein einer Repressionsstrategie kritisch […]

  2. […] einem Offenen Schreiben, das von 20 Locations, Läden oder Hausgemeinschaften unterschrieben ist. (hier klicken) Doch der Aufruf zur gemeinsamen Debatte zündete an jenem Donnerstagabend nur schleppend. Ist der […]

Kommentieren

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.